Die Bedeutung Ägyptens

23.02.2011 - Die Bedeutung Ägyptens

Meine Schwiegermutter pflegte zu sagen: „Zerbrich dir nicht über Kleinigkeiten den Kopf.“ Die Menschen haben Angst vor den Auswirkungen des ägyptischen Umsturzes, aber wenn man es rational betrachtet, dann ist Ägypten für sich genommen nur ein kleines Licht und wird die weltweiten Aktienmärkte nicht weiter beeinflussen.

Man sollte nie vergessen, relativ zu denken. Das ägyptische Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt bei etwa 160 Milliarden Euro – das entspricht nicht ganz dem Doppelten des geschrumpften Jahresumsatzes der amerikanischen Firma General Motors – eine vergleichbare Kennzahl. Erinnern Sie sich noch – als GM pleiteging, gab es weltweit nervöses Geschwätz, aber all das entlockte den Märkten nur ein müdes Gähnen. Das Problem war einfach nicht groß genug, um von Bedeutung zu sein.

Das ägyptische BIP liegt mit einem Wachstum von 5,3 % im Jahr 2010 unter dem Durchschnitt der Emerging Markets. Es leben mit 79 Millionen zwar wahnsinnig viele Menschen dort, nur ein bisschen weniger als in Deutschland, aber das ägyptische Pro-Kopf-Einkommen ist winzig und liegt in der globalen Rangliste mit 4.580 € auf Platz 135, direkt zwischen Tonga und Kiribati (daher die ganzen Unruhen). Ägypten macht nur 0,5 % des MSCI Emerging Markets Index aus – ist also fast eine Nullnummer unter den Schwellenländern! (Können Sie mir eine ägyptische Aktie sagen? Eine vielleicht, aber sicher nicht zwei.) Aus globaler Sicht besitzt dieses Land praktisch kein Marktgewicht. Es hat nicht die Kraft, die globale Kompass-Nadel zu bewegen.

Manche fürchten, dass Ägypten im Nahen Osten einen Dominoeffekt auslösen könnte. Das wird jedoch dank des derzeitigen Wirtschaftsbooms in seinen ölreichen Nachbarländern nicht so schnell passieren. Einige Staaten, in denen sich Unzufriedenheit anstaute, haben ihre Bürger bereits wieder besänftigt – indem sie Subventionen anboten und politische Zugeständnisse machten. Ein Beispiel: Kuwait gibt allen Einwohnern in den nächsten 14 Monaten kostenloses Essen und gewährt außerdem noch einen Barzuschuss in Höhe von 2.636 € pro Person.

Andere haben Angst, dass es zu Lieferengpässen beim Öl kommen könnte. Ägypten fördert aber nicht viel Öl – es steht als Ölproduzent auf Platz 29 der Weltrangliste, liefert etwa 1 % des weltweiten Nachschubs und verbraucht das meiste davon selbst. Im Exportbereich belegt es Rang 67. Jemand könnte den Suezkanal oder die Suez-Mittelmeer-Pipeline blockieren oder in die Luft sprengen. Aber wer? Dies liegt nicht im wirtschaftlichen Interesse von Ägypten – diese Maßnahme wäre unpopulär und aus politischer Sicht tödlich. Außerdem bleibt das ägyptische Militär an der Macht – es wird beides schützen. Über den Suezkanal werden jedoch nur 8 % des weltweiten Seehandels abgewickelt, und durch die Pipeline strömen nur 3,5 % der weltweiten Ölmenge. In der Straße von Hormus ist das Handelsaufkommen fast sechs Mal bzw. in Malakka fast fünf Mal größer als im Suezkanal und in der Pipeline zusammen. Würde man eines von beiden oder sogar beide blockieren, so hätte das keine größeren Auswirkungen. Das Öl würde einfach vorübergehend den langen Weg um das Kap herum nehmen, wodurch die Transportkosten minimal steigen würden.

Leider sind Unruhen im Nahen Osten die Norm – seit Jahrtausenden. Wir haben bereits größere Störungen der Ölversorgung erlebt – z. B. das Ölembargo von 1967, das mit dem Sechstagekrieg begann und drei Monate später endete. Die Ölkrisen von 1970 waren überwiegend diplomatische Katastrophen, keine hitzigen Gefechte. In den 1980ern, 1990ern und 2000ern gab es im Nahen Osten reichlich Unruhen und sogar offene Auseinandersetzungen, aber auf derartige Ausschreitungen zurückzuführende Öllieferschwierigkeiten dauerten nie lange an und hatten keine anhaltenden Auswirkungen auf die globale Wirtschaft oder die Kapitalmärkte.

Die Anleger sollten sich nicht auf die mehr als geringe Möglichkeit größerer Probleme konzentrieren – sondern lieber auf die ungleich höhere Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt nichts wirklich Schlimmes passiert. Die Probleme in Ägypten können zwar auch weiterhin zu Angst und wilden Diskussionen führen, aber 2011 werden andere globale Einflussfaktoren das kleine Ägypten einfach wegspülen.

Autor: Ken Fisher

Tags: Aegypten

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